Flache Hierarchie - Fluch oder Segen für das Unternehmen?

Viele Start-Ups werben in der Job-Anzeige mit flachen Hierarchien. Befehlsketten von der Chefetage bis zum Praktikanten hinab scheinen zumindest moderne Unternehmen hinter sich lassen zu wollen. Wir stellen uns dennoch die Frage: Ist eine flache Hierarchie immer wünschenswert oder entstehen dadurch auch Probleme? Unser Blog-Beitrag möchte den Trend genau unter die Lupe nehmen.

Flache Hierarchie - Fluch oder Segen?

Hierarchie: Was heißt das überhaupt?

Das Wort Hierarchie kommt aus dem Griechischen und beschreibt grundsätzlich die Rangordnung innerhalb einer Organisation bzw. einem Unternehmen.

Die klassische, strenge Hierarchie wird als Pyramide dargestellt, so zum Beispiel im Militär:

  • Oben steht der General,
  • es folgen wenige Offiziere,
  • einige weitere Unteroffiziere und
  • schließlich die zahlreichen Soldaten.

Hierarchien gibt es neben dem Militär auch in der Politik, in der Rechtssprechung, aber auch in wirtschaftlichen Unternehmen.

… und wofür sind sie gut?

Im Betrieb dient eine Hierarchie grundsätzlich der Organisation und der Koordination des Geschäfts. Jedes Unternehmen hat ausgewiesene Führungskräfte, die Ziele setzen und über Strategien entscheiden. Sie geben schließlich Befehle an untergeordnete Angestellte weiter, die diese schließlich - im klassischen Fall ohne Widerrede - ausführen.

Steile vs. Flache Unternehmenshierarchien

Eine Befehlskette ist fest in unserer Vorstellung einer Firmenstruktur verankert. Bildlich wird so eine Befehlskette von oben nach unten dargestellt, daraus folgt auch die Metapher einer "steilen" oder "flachen" Hierarchie.

Je mehr Führungsebenen existieren, desto steiler verläuft auch die hierarchische Struktur eines Unternehmens. Wer bei welchen Angelegenheiten das Sagen hat, ist bei klassisch hierarchischem Führungsstil klar definiert.


Was versteht man unter einer flachen Hierarchie?

Eine flache Hierarchie möchte die Befehlspyramide in ihrer Struktur aufbrechen. Das bedeutet, dass bei Entscheidungen die ganze Belegschaft mit einbezogen werden soll. Das sogenannte mittlere Management, also Delegierende, die zwischen den Mitarbeitenden und der Geschäftsführung stehen, soll als Ebene der Befehlskette reduziert werden oder gar wegfallen.

Ganz im Sinne von New Work soll den Angestellten damit mehr Unabhängigkeit und selbstbestimmtes Arbeiten ermöglicht werden. Auch der raue Befehlston soll durch die flachen Strukturen der Kollegialität weichen.

… und was ist typisch dafür?

Typische Merkmale einer flachen Hierarchie sind auch

  • kurze Informations- und
  • Entscheidungswege und
  • eine weniger ausgeprägte Abteilungsbildung. Oft arbeitet man gemeinsam in offenen Räumen und pflegt einen kollegialen Umgang, der sich zum Beispiel auch durch das Duzen der Vorgesetzten auszeichnet.

Welche Vorteile bieten flache Hierarchien - für Arbeitnehmer*innen?

Wertschätzung

Niemand lässt sich gern von einem Vorgesetzten im Befehlston anbrüllen. Auch die ständige Kontrolle durch Abteilungsleiter*innen kann dazu führen, dass sich Mitarbeiter*innen nicht ernst genommen und respektiert fühlen. In einem Betrieb mit einer flachen Organisation wird im Optimalfall auf Augenhöhe kommuniziert und Wertschätzung groß geschrieben- gerade für Neuankömmlinge oder Praktikanten kann das sehr wertvoll sein, weil sie und ihre Arbeit von Beginn an gleichbehandelt werden.

Verantwortung

Selbst Entscheidungen hinsichtlich der eigenen Arbeitsweise zu treffen und neue Aufgaben ohne den lästigen Gang zu Vorgesetzten aufzunehmen, kann Mitarbeiter*innen in ihrer Rolle bestärken. Gerade in den unteren Ebenen der Firma können Mitarbeiter*innen so mehr Selbstvertrauen erlangen.

Immerhin wird Ihnen signalisiert: Auch deine Arbeit ist ein essenzieller Bestandteil für den Erfolg dieses Unternehmens und du bist qualifiziert genug, um in Eigenverantwortung zu arbeiten.

Teamspirit

Ein angenehmes Arbeitsklima und flache Hierarchien können dazu beitragen, dass sich Arbeiter*innen im Betrieb wohler fühlen. Harte Strukturen innerhalb eines Unternehmens sorgen schließlich auch dafür, dass zwischenmenschliche Barrieren entstehen. Agieren alle auf Augenhöhe, kann das nicht nur für gute Laune am Mittagstisch, sondern ganz nach dem Prinzip "eine Hand wäscht die andere" auch für produktives gemeinsames Arbeiten sorgen.

Weniger Konkurrenz

In herkömmlichen Betrieben mit steiler Hierarchie ist der Konkurrenzkampf oft groß - immerhin ist jede*r bestrebt, die Befehlskette hinaufzuklettern. Bei flachen und zwanglosen Strukturen fällt dieser Druck weg, da es wenig Aufstiegsmöglichkeiten gibt - das kann das Teambewusstsein innerhalb der Belegschaft antreiben.


Welche Vorteile bieten flache Hierarchien Arbeitgeber?

Geringere Personalkosten

Logischerweise gibt es in Unternehmen mit flachen Hierarchien weniger Führungskräfte. Das wirkt sich natürlich auch auf die Gehaltsspanne aus. Wer weniger Manager braucht, muss auch weniger für Personalkosten aufkommen und profitiert schließlich nicht nur auf menschlicher, sondern auch auf finanzieller Ebene.

Entlastung der Führungskräfte

Dadurch, dass die Verantwortung nicht auf einzelne Mitarbeiter*innen abgewälzt wird, teilt sich auch der Druck nach getroffenen Entscheidungen auf. Geht etwas schief, muss das ganze Team dafür Verantwortung übernehmen - und nicht die Person, die über andere hinweg entschieden hat.

Schnelles und effektives Arbeiten

Durch die direkte Kommunikation und kurze Entscheidungswege kann das Unternehmen vor allem im operativen Business schneller voranschreiten. Gerade, wenn nicht alles zunächst von einer Führungskraft abgesegnet werden muss, sondern Angestellte allein Verantwortung für ihr Schaffen tragen, können neue Aufgaben schnell aufgenommen werden.

Ideenreichtum

Wenn viele Leute ihren Input bei wichtigen Entscheidungen einbringen können, bietet das einen Nährboden für Kreativität und neue Ideen. Gerade Vorgesetzten fehlt oftmals die Marktnähe, die Mitarbeiter*innen unterer Ebenen vorweisen. In vielen Angestellten schlummern oftmals Ideen, die bei einer steilen Hierarchie nicht wahrgenommen werden, weil Talenten bei Sitzungen nicht das Wort erteilt wird.

Mitarbeiterbindung

Durch die zusätzliche Verantwortung, die einzelnen Mitarbeiter*innen bei flachen Hierarchien zukommt, fühlen diese sich im besten Fall auch enger mit dem Betrieb verbunden. Das kann dazu beitragen, dass Talente länger an die eigene Firma gebunden werden und im eigenen Betrieb "großgezogen" werden können.


Welche Nachteile können durch flache Hierarchien für Arbeitnehmer*innen entstehen?

Weniger Aufstiegsmöglichkeiten

Was für die Hierarchie gilt, gilt auch für die Leiter in Richtung Karriere. Besonders ambitionierte Mitarbeiter*innen kann es demotivieren, wenn sich im Betrieb nicht unmittelbare Aufstiegschancen offenbaren und sie hinsichtlich ihres Berufswegs auf der Stelle treten.

Keine klare Aufgabenverteilung

Zu viel laissez-faire-Denken im Team festgelegt kann es erschweren, ein Team mit "klarer Kante" zu führen und Aufgaben gezielt an einzelne Mitarbeiter*innen zu verteilen. Das führt zu langsamerem Arbeiten und kann auch ein Ungleichgewicht hinsichtlich des Workloards bedeuten.


Welche Nachteile können durch flache Hierarchien für Arbeitgeber entstehen?

Längere Entscheidungsprozesse

Was auf der einen Seite Entscheidungen erleichtert, weil sie nicht immer mit Führungskräften abgesprochen werden müssen, kann auch zu Komplikationen führen. Nach dem Motto "zu viele Köche verderben den Brei" können Entscheidungen langfristig auf sich warten lassen, weil zu viele Menschen daran beteiligt sind und dadurch zähflüssige Diskussionen ohne schnelle Lösung entstehen.

Oberste Führungsebene wird belastet

Werden Führungsebenen in der Mitte der Befehlspyramide gestrichen, bedeutet das umso mehr Arbeit für die Geschäftsführung. Auch flach geführte Organisationen brauchen eine Leitung, bei der allerdings auch Probleme, Sorgen und Streitereien landen. Das kann dazu führen, dass sich Chef oder Chefin mit Kleinkram herumschlagen muss und sich nicht auf seine oder ihre wesentlichen Aufgaben konzentrieren kann.

Fehlende Autorität

Start-Up-Gründer*innen wollen es vielleicht nicht hören, aber ein autoritärer Führungsstil muss nicht zwingend ein Übel sein. Manchen Teams fehlt es an Initiatoren, die Entscheidungen in die Hand nehmen und als treibende Leitfigur agieren.

Auch wenn es "zu kollegial" in einem Betrieb zugeht, muss das nicht unbedingt ein Vorteil sein: Wenn alle per du oder gar befreundet sind, wird es umso schwieriger, schwere Personalentscheidungen wie eine Kündigung durchzusetzen.


Wir fassen zusammen

Den Führungsstil an das Unternehmen anpassen - und nicht umgekehrt

Eine flache Hierarchie kann gutes Schmieröl für den Motor eines Unternehmens sein - oft sind es gerade Mitarbeiter*innen der unteren Ebene oder Neuankömmlinge, die frischen Wind in die starren Strukturen eines Unternehmens bringen können, wenn das auch zugelassen wird. Gleichzeitig kann es Betriebe ins Chaos stürzen, wenn dieser Schritt nicht gut überlegt ist.

Im Endeffekt muss jede*r Geschäftsführer*in selbst entscheiden, welcher Führungsstil zum Unternehmen passt. Vor allem in größeren und komplexen Firmen kann eine klare Hierarchie von Vorteil sein, damit Überblick gewahrt wird. Meistens steigt das Bedürfnis nach einer führenden Autorität mit der Größe der Gruppe. Auch für Arbeitnehmer*innen gilt, sich gut zu überlegen, welcher Führungsstil am besten zu ihnen passt. Ihnen sei geraten, sich bereits im Bewerbungsprozess über die Strukturen ihres Wunschunternehmens zu informieren, damit es nicht zu einem bösen Erwachen kommt.

Eines dürfte jedoch klar sein: Je größer die Kompetenzen der einzelnen Mitarbeiter*innen sind, desto eher wollen sie sich auch mit eigenen Ideen im Unternehmen einbringen, ohne ständig Aufgaben vorgekaut zu bekommen.

Ein Unternehmen muss also die Qualitäten seiner Mitarbeiter*innen kennen, um abwägen zu können, ob sich das Aufbrechen fester Strukturen lohnt. Generell gilt: Wenn die ganze Belegschaft dieselben Visionen und Werte teilt, wird sie umso motivierter sein, mithilfe von flachen Hierarchien auf der Erfolgsspur zu fahren.

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